Indianapolis, März 2024, . Ein Quarterback aus Tennessee, 1,96 Meter groß, wirft einen Ball, und die Radarpistole zeigt 62 Meilen pro Stunde. Später segeln mehrere seiner tiefen Bälle über 70 Yards [1]. Zwischendurch schlägt er auf dem Kunstrasen im Lucas Oil Stadium einen Flickflack [2].
Das ist Joe Milton III. An seinem Arm hat nie jemand gezweifelt. Gezweifelt haben die Scouts an allem anderen.
Am Sonntag bekommt er den ersten Start seiner NFL-Karriere. Im Linc, gegen die Giants, im grünen Trikot.
Erst "Tanner's our guy", zwei Tage später Joe Milton
Am Montag klang Nick Sirianni noch endgültig. Nach dem 10:27 in Washington, der sechsten Niederlage in Folge, sagte er über Tanner McKee: "Tanner's our guy. We're not making any changes there." [3] Am Mittwochabend deutscher Zeit war das Geschichte. ESPN und NFL Network meldeten, dass Milton gegen New York startet [4], Brooks Kubena bestätigte es für The Athletic über eine Liga-Quelle [5]. Zach Berman hat den Widerspruch in zwei Sätzen festgehalten:
Milton ist der dritte Starting Quarterback der Eagles in dieser Saison. Jalen Hurts fällt mit Blutgerinnseln in beiden Lungenflügeln voraussichtlich für den Rest des Jahres aus [6], die ganze Geschichte steht hier. McKee hat seitdem dreimal gestartet und dreimal verloren: 63,2 Prozent angekommene Pässe, 639 Yards, zwei Touchdowns, zwei Interceptions [7]. Die Eagles stehen bei 2-6.
Dabei galt McKee vor gut einem Jahr noch als Backup, um den andere Teams hätten werben können. Ex-NFL-Lineman Geoff Schwartz erinnert daran, wie schnell sich das gedreht hat:
Wer ist Joe Milton? Herkunft und College-Karriere
Milton kommt aus Pahokee in Florida, geboren am 6. März 2000, Highschool in Orlando. Er ist 26 Jahre alt, 1,96 Meter groß und wiegt 107 Kilo [8].
Sein College-Weg dauerte sechs Jahre, verteilt auf Michigan und Tennessee [9]. Und er folgt einem Muster. In Michigan war er 2020 Starter, gewann zwei von fünf Spielen, warf vier Touchdowns und vier Interceptions und verlor im Lauf der Saison Spielzeit an Cade McNamara. Er wechselte nach Tennessee, verletzte sich 2021 früh, und Hendon Hooker machte den Job zu seinem. Erst als Hooker sich Ende 2022 schwer verletzte, kam Milton zurück, und dann richtig: Im Orange Bowl gegen Clemson warf er für 251 Yards und drei Touchdowns und wurde zum MVP gewählt. 2023 startete er alle zwölf Spiele, 8-4, 2.769 Yards, 20 Touchdowns, fünf Interceptions [10].
Zweimal hat ihn ein genauerer Quarterback verdrängt, einmal hat er sich zurückgekämpft. Diese Geschichte erzählt viel über den Spieler, der am Sonntag im Huddle steht.
Draft, Patriots, Cowboys: Miltons Weg nach Philadelphia
Die Patriots zogen ihn im Draft 2024 in der sechsten Runde an Position 193, mit dem Pick aus dem Mac-Jones-Trade [11]. Sein einziger echter Auftritt in New England kam in Week 18 gegen Buffalo, als er Drake Maye ablöste: 22 von 29 Pässen, 241 Yards, ein Touchdown-Pass, dazu ein Touchdown als Läufer, 23:16 gewonnen [12].
Danach wollte er weg, um irgendwo um einen Starter-Job zu kämpfen. Im Frühjahr 2025 gehörten die Eagles zu den Teams, die sich für ihn interessierten, neben den Raiders, Giants, Steelers und Cowboys. Milton wollte nach Dallas, und New England tauschte ihn dorthin, einen Fünftrundenpick gegen Milton und einen Siebtrundenpick [13]. Die Eagles hatten ihn also schon vor anderthalb Jahren auf dem Zettel.
In Dallas war er 2025 Backup hinter Dak Prescott, spielte in vier Spielen, 15 von 24 Pässen, 183 Yards, ein Touchdown, zwei Interceptions. Ende August 2026 verlor er das Duell um den Backup-Job gegen Sam Howell, Dallas entließ ihn und holte ihn in den zurück [14]. Dabei war seine Preseason ordentlich: 29 von 43, 378 Yards, drei Touchdowns, keine Interception [15].
Am 16. Oktober holten ihn die Eagles aus dem Cowboys-Practice-Squad direkt in den 53er-Roster, einen Tag nachdem das Gerinnsel in Hurts' Wade bekannt geworden war [16]. Seine gesamte NFL-Bilanz: fünf Spiele, 37 von 53 Pässen, 424 Yards, zwei Touchdowns, zwei Interceptions, 15 Läufe für 66 Yards. Für die Eagles hat er noch keinen einzigen gespielt [17].
Null Starts. Sonntag wird sein erster.
Was Joe Milton kann und was nicht
Der Arm ist echt. Lance Zierlein beschrieb ihn vor dem Draft als "rare physical specimen" mit dem Arm für jeden NFL-Wurf, der aber gebremst werde durch "a lack of timing, accuracy and touch". Dazu sei er vor allem ein Quarterback, der eine Seite des Feldes liest [18]. Kempski nennt den Arm schlicht "a cannon" [19].
Genau da liegt der Unterschied zu McKee. Reuben Frank hat nachgezählt: In drei Starts hat McKee keinen einzigen Pass über mehr als 25 Yards zu einem Wide Receiver gebracht [20]. Gegen Washington lag seine durchschnittliche Passtiefe bei 6,3 Yards, das habe ich im Rückblick auf Week 8 aufgeschlüsselt. Mit Milton werden Verteidiger wieder tief stehen müssen. Allein das dürfte verändern, wie Defenses gegen diese Offense spielen.
Die Genauigkeit bleibt das Fragezeichen. Auf 27 Dropbacks im Jahr 2025 verzeichnete PFF zwei -worthy Plays [21]. Die Stichprobe ist klein. Aber sie passt zu dem, was Scouts seit Michigan sagen.
Und die Beine? Schneller als Hurts ist er nach den Zahlen nicht. Hurts lief beim Combine 2020 die 40 Yards in 4,59 Sekunden, die schnellste Zeit aller Quarterbacks beim Combine [22]. Milton ließ den Sprint beim Combine aus [23], gelistet ist er mit 4,62 [24]. Praktisch gleich schnell also, nur rund zehn Zentimeter größer. Mobil ist er trotzdem, und das kann einem Run Game helfen, das im Oktober auf 3,7 Yards pro Lauf und Platz 25 der Liga stand [25].
Warum der Wechsel zu Milton umstritten ist
Bis Montag sprach viel gegen diesen Schritt. Das Argument ist gut. Die Saison ist sportlich vorbei. Was bleibt, ist der Blick auf die Jungen. Zangaro schreibt es in dieser Woche so: "You get to monitor the development of the young players on the team." Erstrundenpick Makai Lemon steht bei 31 Catches auf 45 Targets für 251 Yards, Zweitrundenpick Eli Stowers sieht er als Tight End, der Spielzeit braucht, um zu wachsen [26].
Mit einem Quarterback wie McKee, der im bleibt und nach Timing wirft, sieht man sauber, ob Lemon seine Routes richtig läuft und rechtzeitig frei ist. Mit Milton werden Spielzüge öfter kaputtgehen, er wird improvisieren, und mancher Pass kommt zu hart oder zu weit. Ob ein Rookie in so einem Spiel schlecht aussieht, liegt dann nicht mehr nur an ihm. Die Daten werden unschärfer, genau in den Wochen, in denen das Front Office Antworten für 2027 sucht.
Die Gegenrechnung des Front Office ist genauso nachvollziehbar. Die wertvollste Information dieser Saison ist nicht, ob Lemon gegen die Giants sechs oder acht Catches hat. Sie lautet: Gibt es in diesem Quarterback-Raum jemanden, der mehr kann als ein durchschnittlicher Backup? Bei McKee kennen die Eagles die Antwort inzwischen. Bei Milton kennen sie sie nicht. Und nach dem Giants-Spiel kommt die [27], zwei Wochen, um auszuwerten und nachzujustieren. Sirianni hatte es schon nach der Niederlage gegen Carolina gesagt: "To do the same thing over and over again and not get the results, that'd be foolish." [28]
Und die Fans? Die Bird Gang hat drei Spiele lang fast nur Kurzpässe gesehen. Wer sonntags im Linc sitzt oder in Deutschland um 19 Uhr den Fernseher anmacht, will etwas sehen, das nach vorn zeigt. Ein Quarterback, der den Ball 60 Yards durch die Luft werfen kann, ist zumindest das.
Es gibt eine Parallele, an die in Philly gerade viele denken dürften. Dezember 2020, verlorene Saison, Doug Pederson setzte Carson Wentz auf die Bank und gab einem Rookie namens Jalen Hurts den Ball. Hurts schlug in seinem ersten Start die Saints, und die Eagles hatten eine Antwort für die nächsten Jahre. Milton ist nicht Hurts, er ist kein Zweitrundenpick und keine 22 mehr. Aber die Logik ist dieselbe: In einer verlorenen Saison ist eine offene Frage mehr wert als eine beantwortete.
Mein Take: Richtige Entscheidung, holpriger Weg
Ich hätte McKee gern noch einmal gesehen, wegen Lemon und Stowers, das habe ich nach Washington geschrieben. Ich habe meine Meinung geändert. Nicht, weil Milton gewinnen wird. Sondern weil eine Saison, in der man nichts mehr gewinnen kann, die einzige Gelegenheit ist, einen 26-Jährigen mit diesem Arm risikofrei auszuprobieren.
Was mich stört, ist der Weg. Montag "Tanner's our guy", Mittwoch der Wechsel. Das sieht nicht nach Plan aus, sondern nach einem Coaching Staff, der nach sechs Niederlagen etwas ausprobieren muss. Ob Sirianni das aus Überzeugung macht oder auf Druck, kann von außen niemand seriös sagen.
Les Bowen, fast zwei Jahrzehnte Eagles-Reporter in Philadelphia, stellt die Frage, die ich mir auch stelle:
Das ist der stärkste Einwand gegen den Zeitpunkt. Milton ist seit dem 16. Oktober da, keine drei Wochen. Nach einer weiteren Niederlage gegen die Giants hätte man ihn in der Bye Week vorbereiten und danach bringen können. So startet er mit einem halb gelernten Playbook, in einer Offense, deren Coaches seit Wochen über Probleme in der Kommunikation klagen. Wenn am Sonntag Spielzüge zu spät reinkommen oder Receiver in die falsche Richtung laufen, weiß ich schon, woran es liegt.
Was sich sagen lässt: Am Sonntag um 19 Uhr deutscher Zeit kommen die Giants als Spitzenreiter der ins Lincoln Financial Field [29]. Ich schaue auf zwei Dinge. Wie oft der Ball in die Hände des Gegners fliegt. Und ob Milton gelingt, was McKee in drei Spielen nicht geschafft hat: ein Pass über 25 Yards zu einem Wide Receiver. Wenn der bei Makai Lemon landet, ist der Sonntag für mich ein Erfolg, egal wie er ausgeht.
Eine Frage an euch, Bird Gang: Lieber zwei Interceptions und ein 50-Yard-Touchdown oder wieder 210 Yards ohne Risiko? Ich weiß, was ich nehme. Merk dir die Zahl 25.



