Dallas Goedert hechtet und hält den Ball fest. 17 Yards, erster Versuch an der Jacksonville 34. Die Eagles liegen 14:16 hinten, stehen aber in Field-Goal-Range. Als Goedert zu Boden geht, zeigt die Uhr 0:51 [1]. Und an der Seitenlinie der Jaguars passiert nichts. Die Uhr läuft, 45, 40, 35, 30. Erst bei 0:25 nimmt Liam Coen seine zweite Auszeit [2].
Ich saß im Tottenham Hotspur Stadium und hielt das für den ersten schweren Fehler dieser Schlussphase, und zwar auf Seiten der Jaguars. Jacksonville führt und braucht nach einem Eagles-Field-Goal jede Sekunde für die eigene Antwort. Trotzdem lässt Coen 26 davon verstreichen. Rich Hofmann sieht es im Ringer-Podcast genauso: Coen habe zu lange gewartet, dann in Panik die Auszeit genommen und den Eagles damit ein Geschenk gemacht [3]. Deniz Selman nennt es im PHLY Eagles Podcast schlicht schreckliches Clock-Management [4]. Warum er so lange zögerte, hat Coen nach meinem Stand nicht erklärt.
Was danach kam, kennt jeder Eagles-Fan auswendig: drei Plays, ein Field Goal mit acht Sekunden Rest, ein in die Landing Zone, ein Return über 53 Yards, eine Sekunde zurück auf die Uhr und 57 Yards von Cam Little. 17:19. Nick Sirianni sagte danach: "I didn't make the right decision, and I lost us that game" [5].
Ich gehe diese Sekunden einzeln durch, bis zu der Frage, über die Philly seit Sonntag streitet: Muss Sirianni dafür geradestehen? Meine Antwort ist nein. Die Fehler, die dieses Spiel gekostet haben, sind vorher passiert.
0:25 bis 0:08: Drei Plays, die Jacksonville die Auszeit sparen
Erster Versuch, noch 25 Sekunden, Jacksonville hat eine Auszeit übrig. Gegen einen Zero rollt Hurts nach außen und wirft unvollständig, beinahe fängt Jarrian Jones den Ball an der Seitenlinie ab. Das kostet vier Sekunden und hält die Uhr an. Zweiter Versuch: Makai Lemon fängt den Ball für 7 Yards und wird ins Seitenaus geschoben. Wieder steht die Uhr, wieder muss Jacksonville keine Auszeit nehmen. Beim 3. und 3 verliert Dameon Pierce 3 Yards, jetzt läuft die Uhr. Coen stoppt sie bei 0:12 mit seiner letzten Auszeit [6]. Elliott kickt also mit 12 Sekunden auf der Uhr. Der Versuch selbst dauert vier Sekunden, nach dem Treffer bleiben acht.
Die Kritik liegt auf der Hand. Ein Lauf auf hätte Jacksonville die letzte Auszeit früh gekostet. Danach hätten die Eagles die Uhr fast leer spielen und mit ihrer eigenen Auszeit kurz vor Schluss kicken können. Ryan Paganetti, früher Assistant Coach bei den Eagles, brachte es auf einen Satz: "Eagles CANNOT go out of bounds in that situation" [7]. Selbst Hurts grübelt: "When I'm up at night, yeah, I think ... should have I said something or should I have took a step back and said, wait" [8].
Sirianni hält dagegen, und sein Argument ist nicht schwach. "When you advance the ball forward, you make the kicker's job easier", sagte er am Dienstag. Ein Lauf sei gegen diese Defense keine echte Option gewesen: "You saw what happened when we ran it on the third " [9]. Sean Mannion begründet den Ball auf Lemon mit dem Cover-Zero-Look der Jaguars. Gegen Inside Leverage bringe eine Out-Route am ehesten Yards: "Our focus there was really just to advance the ball" [10].
Am genauesten hat Deniz Selman die Sequenz zerlegt, PHLY-Analyst und im Hauptberuf tatsächlich Professor. Seine Rechnung ist einfach: Bei 0:25 hat jedes Team noch eine Auszeit, die Eagles haben bis zum Field Goal drei Plays. Weil Jacksonville die Uhr einmal stoppen kann, dürfen die Eagles sie selbst genau einmal anhalten, mit einem Incomplete oder einem Gang ins Seitenaus. Ein zweites Mal nicht, und das muss vor dem ersten jedem klar sein. Den ersten Down findet Selman noch in Ordnung, ein echter Spielzug für ein paar Yards mehr. Ab dem zweiten Down aber hätte jeder Versuch die Uhr am Laufen halten müssen.
Dann geht er den Film durch. Goedert ist in der Mitte frei, Lemon an der Seitenlinie, beide Pässe sind vertretbar. Lemon fängt den Ball fünf, sechs Yards vor der Seitenlinie und macht noch vier Schritte, bis Nickel Jourdan Lewis ihn hinausschiebt. Er hätte an der 28 oder 29 zu Boden gehen können. Dann wäre es ein Field Goal aus 46 oder 47 Yards geworden, Jacksonville hätte die Auszeit nehmen müssen, und die Eagles hätten mit einem sicheren Lauf oder einem Knie die Uhr leer gespielt. Den Rookie macht Selman ausdrücklich nicht verantwortlich. Ihm fehlt der Hinweis vor dem Snap an alle Receiver: kein Seitenaus vor der Line to Gain. Für ihn ist das der größte Fehler des Tages [11]. EJ Smith stimmt in derselben Sendung zu, das hätte den Spielern gesagt werden müssen. Einen Tag später machen Bo Wulf und Fran Duffy denselben Punkt [12].
Im Ringer-Podcast sieht Hofmann es ähnlich. Er versteht den Wunsch nach ein paar Yards mehr, Elliotts Quote aus 50 Yards und mehr war zuletzt schwach, und Jason Kelce erklärte in der Übertragung, warum ein Lauf gegen sieben Mann an der Line kaum etwas bringt. Trotzdem hätte für Hofmann eines über allem stehen müssen: kein Kickoff mehr [13].
Jimmy Kempski hat die Zwickmühle schon während des Drives in einen Satz gepackt:
Dazu passt eine zweite Notiz von ihm: Elliott hatte beim Aufwärmen aus 60 Yards getroffen [14]. Mein Eindruck: Sirianni wollte das Field Goal so sicher wie möglich machen und hat dafür Sekunden hergegeben. Das kann man falsch finden. Auffällig ist es vor allem, weil es nicht zu ihm passt. Selman erinnert an die Ironie: Ausgerechnet Sirianni verzichtet vor der Pause manchmal lieber auf Punkte, als dem Gegner Zeit zu lassen (Selman, siehe oben). Elliott trifft aus 48 Yards. 17:16, acht Sekunden bleiben.
0:08 bis 0:01: Der Kickoff in die Landing Zone
Jetzt kommt die Entscheidung, für die Sirianni die Schuld nimmt. Er hatte zwei Möglichkeiten. Elliott schießt den Ball durch die Endzone, und Jacksonville startet nach dem an der eigenen 35, so gilt es seit 2025 [15]. Oder er kickt in die Landing Zone, Jacksonville muss den Ball zurücktragen, und der Return frisst Zeit. Sirianni ließ "deep in the landing zone for a return" kicken [16].
Die Logik dahinter ist nicht dumm. Jacksonville hatte keine Auszeit mehr, ein normaler Return hätte die acht Sekunden aufgefressen. Gegen den Touchback sprach Cam Little, der mit 68 Yards den NFL-Rekord hält [17]. Special Teams Coordinator Michael Clay bestätigt, dass genau das den Ausschlag gab: "Obviously, Cam Little's got a big leg, so that goes into a deciding factor." Und: "Nick made that decision" [18].
Die Experten sind sich uneinig, und genau das ist der Punkt. Kapadia nennt den Kick eine 50:50-Entscheidung. Damit sie schiefging, mussten drei Dinge zusammenkommen: ein Return über 53 Yards, unter der aktuellen Kickoff-Regel eine Seltenheit, eine Laufzeit von genau sieben statt acht Sekunden und ein Treffer aus 57 Yards. Zwei Yards mehr für Abdullah, und die Uhr wäre abgelaufen. Kapadia, nach eigenen Worten kein Sirianni-Verteidiger, respektiert, dass der Coach die Schuld auf sich nimmt [19]. Hofmann hält dagegen. Er hätte den Touchback genommen und auf Vic Fangios Defense vertraut, die das ganze Spiel gehalten hatte, mit zwei Rushern und neun Mann in der Coverage [20]. Selman hätte genauso entschieden wie Sirianni, beim Zuschauen rief er: bloß kein Touchback. Seine Rechnung: Little hält den Rekord mit 68 Yards, traf in der Preseason aus 70 und verfehlte vor ein paar Wochen einen 72-Yarder nur knapp. Nach einem Touchback hätte Jacksonville eine Completion über 13 bis 15 Yards ins Seitenaus gereicht. Fangio verteidigt solche Lagen gern mit acht Defensive Backs, und genau dafür fehlten Marcus Epps und Michael Carter II. Eine Pass Interference an der Seitenlinie hätte die Uhr ebenfalls gestoppt. Beides, die Completion und der Return, war extrem unwahrscheinlich. Wer jetzt so tut, als sei der Return absehbar gewesen, müsste nach Selmans Logik jeden Tag im Lotto gewinnen (Selman, siehe oben).
Ich habe im Stadion noch gesagt: Jetzt durch die Endzone, kein Return. Aber eine Entscheidung, über die kluge Leute streiten, ist kein Skandal. Der Skandal ist die Ausführung.
Warum der Return über 53 Yards ging
Ameer Abdullah fängt den Ball an der eigenen 8 und zieht an der 20 nach innen. Arnold Ebiketie und Kelee Ringo laufen über ihn hinaus, Smael Mondon Jr. greift ins Leere, Elliott bremst ihn nur, erst Jonathan Jones bringt ihn an der Eagles-39 zu Boden [21]. Kempski sieht, wie Ebiketie seine Lane verlässt und damit das Loch öffnet [22]. Clay sagt es ohne Umweg: "We didn't execute." Seine Coverage habe zu tief gestanden, habe sich nicht von den Blocks gelöst und keine Tackles gesetzt (DiCecco, siehe oben).
Hofmann kritisiert auch den Kick selbst. Elliott schoss den Ball nicht tief in die Mitte, sondern so, dass Abdullah mit Anlauf an der Seitenlinie entlang starten konnte. Genau das darf in dieser Lage nie passieren [23]. Dazu kommt die Besetzung. Jeremiah Trotter Jr., laut Dave Spadaro der beste Mann der Eagles in der Kickoff-Coverage, saß nach einer Rauferei beim Opening Kickoff längst in der Kabine [24]. Wulf geht im PHLY-Podcast die elf Mann auf dem Feld durch. Jonathan Jones hat seit Jahren kaum Special Teams gespielt, Kenny Moore kaum Kickoff-Coverage, und für Ebiketie war es erst der 53. Special-Teams-Snap der Saison. Sein Fazit: Howie Roseman investiert kaum Roster-Plätze in echte Special-Teams-Spieler. Verloren haben die Eagles deshalb nicht, sagt Wulf ausdrücklich. Aber im entscheidenden Moment stand genau diese Einheit auf dem Feld [25].
0:01: Die eine Sekunde
Im Stadion lief keine Wiederholung. Die Uhr stand auf null, dann sagten die Referees: eine Sekunde zurück. Ich bin vom Stuhl gefallen. Jonathan Jones ging es genauso: "I looked up on the clock, saw zeroes, thought it was over. And then one second got put back on. It's tough" [26].
So weh es tut: Das Regelbuch erlaubt es. Die Spieluhr darf überprüft werden, um Zeit zurückzugeben, nicht um Zeit abzuziehen [27]. Laut ProFootballTalk zeigen die Wiederholungen, dass die Sekunde zu Recht zurückkam [28]. Dann der letzte Akt: Der Snap des Ersatz-Long-Snappers kommt zu hoch, Holder Logan Cooke rettet ihn, und Little trifft aus 57 Yards [29].
Muss Sirianni dafür geradestehen?
Sirianni hat die Schuld genommen, sofort und ohne Ausflüchte. Zack Baun rechnet ihm das an: "He told us this was on him. He talks about accountability, so it was cool to see him take accountability" [30]. Für viele Fans ist das Geständnis der Beweis. Ich verstehe die Wut. Wer drei Spiele in Folge verliert, und dann auch noch so, will einen Schuldigen. Und am Ende trägt der Head Coach die Verantwortung für jede Entscheidung an der Seitenlinie.
Marcus Hayes kommentiert Siriannis Satz mit drei Worten: "True. And false." (Hayes, siehe oben). Genau da stehe ich. Wahr ist: Uhr und Kick waren seine Entscheidungen, und beide hätte man anders treffen können. Falsch ist, dass sie das Spiel entschieden haben. Hinter der Uhr-Sequenz stand ein Argument, der Kick war eine 50:50-Frage, verloren ging er in der Ausführung. Selbst Hofmann, der den Kickoff klar für falsch hält, zählt 15 Dinge, die schiefgehen mussten. Fast jeder andere Weg hätte zu 80 oder 90 Prozent zum Sieg geführt [31]. Selman bringt es auf den Punkt: Über den Kickoff kann man streiten. Eindeutig ist nur, dass das Field Goal das letzte Play des Spiels hätte sein müssen (Selman, siehe oben).
Kempski erinnert an etwas, das in der Debatte untergeht: "Sirianni doesn't call plays, and it's not fully his offense anymore" [32]. Das Play-Calling hat er schon in seiner ersten Saison 2021 an Shane Steichen abgegeben [33]. Hofmann erklärt, warum ihn so ein Ende trotzdem härter trifft als andere Coaches. Wenn Sean McVay die Uhr verbockt, gleicht er das mit starkem Play-Calling aus. Bei Sirianni ist die Spielführung das Einzige, was man ihm sichtbar zuordnen kann. Kapadia hält die Gegenrechnung dagegen: Die Eagles gingen als Underdog mit 7,5 Punkten und einem halben Lazarett in dieses Spiel und waren einen Kickoff-Return vom größten Upset seiner Amtszeit entfernt [34].
Eine Korrektur in eigener Sache: Am Sonntag habe ich im Rückblick geschrieben, Spielmanagement und Special Teams hätten ein gewonnenes Spiel in zwölf Sekunden verschenkt. Mit drei Tagen Abstand sehe ich das anders. Diese zwölf Sekunden haben ein Spiel verloren, das nie bis in die letzte Sekunde hätte gehen dürfen.
Der eigentliche Fehler passierte vorher: die Offense nach der Pause
Zur Pause führten die Eagles 14:7. Danach hatte die Offense sieben Drives. Die ersten sechs endeten mit , on Downs an der JAX 43, Punt, Punt, Punt und Punt, vier davon waren Three-and-outs. Erst der siebte brachte das Field Goal. Im Run Game kamen die Eagles auf 1,2 Yards pro Carry, der schlechteste Wert seit einem Spiel gegen Dallas 2015. Und seit dem Titans-Spiel sind sie 18 Drives nach der Pause ohne Touchdown [35].
Zwei Szenen bleiben mir hängen. Drittes Viertel, 3. und 13: Jacksonville schickt einen Zero Blitz, Dontayvion Wicks steht frei an der linken Seitenlinie, und Hurts wirft knapp zu weit. Kempski: "juuuuust too much on the throw. Would've been a TD, obviously" [36]. Und 3:20 vor Schluss, nach dem Jaguars-Touchdown zum 14:16: Ball an der eigenen 35, Incomplete, , 4 Yards bei 3. und 20, Punt. Ein First Down an dieser Stelle, und das Spiel nimmt einen anderen Lauf.
Für Hofmann ist das in diesem Sinne eine verdiente Niederlage. Die Defense lieferte Goal-Line-Stands, die Offense gab den Ball Drive für Drive sofort wieder her. Kapadia rechnet mit: nach dem 14:7 sechs Ballbesitze, fünf Punts, ein Turnover on Downs, am Ende 232 zu 408 Yards. Dass die Eagles überhaupt noch einmal an den Ball kamen, verdankten sie der Defense [37].
Hayes nennt die Entlastung: 60 Prozent der Offensive Line, der Nummer-1-Receiver und die beiden besten Running Backs fehlten (Hayes, siehe oben). Das zählt. Aber die Probleme sind älter als diese Ausfälle. Fran Duffy zeigt im PHLY-Podcast mit Next-Gen-Stats-Zahlen, dass die Eagles so oft aus engen Formationen (Condensed Sets) spielen wie kaum ein Team seit 2016. Ausgerechnet Play-Action aus diesen Sets, das Herzstück des Konzepts, ist bei ihnen nur gut halb so oft erfolgreich wie im Ligaschnitt. In derselben Sendung fällt ein Satz, den auch Deniz Selman mit Zahlen belegt hat: Früher war die Eagles-Offense, über die man sich aufregte, Mittelmaß. Diese hier gehört zu den schlechtesten der Liga [38]. Mannion selbst sagt: "We really just have to finish some of those drives" (DiCecco, siehe oben).
Was jetzt auf die Eagles zukommt
Am Sonntag kommt Carolina ins Linc. Landon Dickerson ist zurück im Training, die Eagles haben sein 21-Tage-Fenster für die Rückkehr von der Injured Reserve geöffnet [39]. Ob die Offense mit einer gesünderen Line nach der Pause endlich punktet, weiß heute niemand. Mein Tipp: Bleiben die Eagles gegen die Panthers wieder ohne Touchdown in der zweiten Halbzeit, redet nächste Woche niemand mehr über einen Kickoff. Dann geht es um Mannion. Merkt euch die zweite Halbzeit am Sonntag.
Das alles hätte nicht sein müssen, wenn die Offense nach der Pause wenigstens einen Drive mit Punkten abgeschlossen hätte, bevor es auf die letzten Sekunden ankam. Das war das Problem, bevor wir es zum Problem gemacht haben.



